Geht es auch konstruktiv?

Der Streit um die Heilpraktiker

Geht es auch konstruktiv?
© Andrea Fettweis-fotolia.com

von Conny Dollbaum-Paulsen

Die wichtigste Aussage vorweg, wenn es denn gelingen soll, die aktuelle Diskussion um den Berufsstand der Heilpraktiker zumindest nicht weiter anzuheizen: Die größte Gemeinsamkeit aller Beteiligten ist die Sorge um das Patientenwohl.

Diese Sorge und das damit verbundene Anliegen, hilfreich zu begleiten, verbindet Ärzte wie Heilpraktiker und darüber hinaus viele weitere therapeutisch, begleitend und beratend Tätige.

Wo bitte geht's hier zum Patienwohl?

Aber schon die Frage, was unter Patientenwohl zu verstehen ist oder gar, mit welchen Maßnahmen Patientenwohl zu unterstützen sei, wird von den Beteiligten sehr unterschiedlich beantwortet.

Nicht so von denen, um die es geht, von den Patienten und Patientinnen. Die Tatsache, dass viele tausend heilpraktische Kollegen und Kolleginnen ihren Lebensunterhalt in naturheilkundlichen und psychotherapeutischen Praxen verdienen, zeigt: Patienten ist durchaus zuzutrauen, über ihr eigenes Wohl und die daraus resultierenden Formen der Begleitung und Behandlung zu entscheiden. Und: Sie wollen beides.

Sie wollen naturwissenschaftlich-medizinische Diagnose- und Therapieverfahren UND sie wollen ganzheitlich-komplementäre Begleitungen. Patienten und Patientinnen sind mündige Partner*innen und sicher eines: kompetent im Umgang mit sich selbst. Dies zu unterstützen, wo es aufgrund komplexer Zusammenhänge notwendig ist, muss das Ziel jeder modernen Behandlung, sei sie schulmedizinisch sich oder komplementär, sein.

Information tut not

Deshalb scheint es von Bedeutung, die Unterschiede der einzelnen Berufsgruppen, ihre Hintergründe bezogen auf Ausbildung, Weltbild (z.B. naturwissenschaftlich oder holistisch) oder ihr Verständnis von Krankheit und Gesundheit sorgfältig und allgemein verständlich herauszuarbeiten. Patient*innen sollten wissen,

  • welche Expertise (wissenschaftlich-fundiert, naturheilkundlich-erfahren, menschlich-erfahren, ausbildungsbezogen etc.),
  • welche Grenzen (juristisch, ausbildungsbezogen, berufskontext-bezogen etc.),
  • welches Ziel (Symptombehandlung, Ursachenforschung, Selbsthilfe etc)
  • welcher Rahmen (wissenschaftsbezogen, Evidenz-basiert, Erfahrungs-bezogen, ganzheitlich aber auch bezogen auf Finanzierung und Wirksamkeit etc.)
  • welcher Kontext (erster oder zweiter Gesundheitsmarkt, vorherrschendes Weltbild etc.)

im Zusammenhang mit der vorgesehenen Begleitung zu beachten sind. Das gilt für alle Angebote und würde bedeuten, dass sich jede Disziplin ihrer Möglichkeiten und ihrer Grenzen bewusst wäre und dies transparent machen würde – der Konjunktiv ist hier wohl die angemessene Variante in der Formulierung…

So informiert, können (und müssen) Patienten entscheiden, welches Vorgehen ihnen sinnvoll erscheint.

Denn auch bezogen auf einen weiteren Aspekt haben sie wieder viel gemeinsam, die scheinbar feindlichen Brüder: Kein Arzt, keine Ärztin und keine Heilpraktiker*in können, wollen und dürfen Heilungsversprechen abgeben.

Tatsächlich gibt es wohl wenige Heilpraktiker, die von sich sagen würden, sie wären mit Ärzten zu vergleichen und würden ähnliches tun. Gerade der Unterschied macht ja das Komplementäre aus – und wie immer, wenn etwas wirklich rund sein soll, braucht es Pole, die weit auseinanderliegen und dennoch beide Teile des Ganzen sind.

Fundamentalismus führt zu nichts, außer zum Gegenteil

Fundamentalismus kennen wir aktuell vor allem aus der politischen Diskussion, der Duden schreibt dazu: Fundamentalismus: geistige Haltung, Anschauung, die durch kompromissloses Festhalten (an ideologischen, religiösen) Grundsätzen gekennzeichnet ist (und das politische Handeln bestimmt). Die aktuelle Diskussion trägt durchaus fundamentalistisch anmutende Aspekte. Die Haltung des Münsteraner Kreises, der Evidenz basierte Medizin und das Modell der Naturwissenschaft als einzig wahre Grundlage therapeutischen Handelns postuliert, ist eben eine Haltung, keine Wahrheit. Gleiches gilt natürlich für Heilpraktiker, die den Rahmen naturwissenschaftlichen Denkens verlassen und als falsch ablehnen. (Noch) nicht wissenschaftlich bewiesene Wirkungsweisen vieler ganzheitlicher Methoden sagen wenig über die Wirksamkeit aber viel über die Art der Untersuchung aus.

Und beiden „Lager“ sollten sich darüber im Klaren sein: Wir handeln aus unserem jetzigen Wissen, das sich in kurzer Zeit vermutlich als unwahr herausstellen wird. Die Irrtümer von heure sind die Wahrheiten von gestern – das geht heute alles schneller, am Inhalt an sich ändert sich nichts. Wer wollte heute noch allen Kleinkindern die Mandeln herausoperieren oder Blinddärme für überflüssige Zipfel halten, die routinemäßig entfernt würden, wie es in den 60er und 70er Jahren üblich war.

Wenn aus Esoterik eine Kassenleistung wird

Ein schönes Beispiel für einen sozusagen komplementären Entwicklungsprozess zeigt das MBSR-Training, ein achtsamkeitsbasiertes Training zur Stressbewältigung, dessen Bestandteile, u.a., Meditation und Yoga, dem Buddhismus entlehnt sind…..

Noch vor 10 Jahren, sicher aber vor 20 Jahren, galten Meditierende gemeinhin als Spinner, die vornehmlich weltabgewandt ihr persönliches Heil in der Versenkung suchten. Buddhistische Zentren waren ein Fall für Exoten, der Dalai-Lama irgendwie ganz knuffig – mit Medizin hatte das Ganze wirklich gar nichts zu tun.

Bis ebendieser Dalai Lama namhafte Wissenschaftler einlud, die Verbindung von Wissenschaft und Spiritualität näher zu beleuchten. Im weiteren Kontext forschten engagierte Ärzte vor allem in den USA an Programmen für Patienten, die als unheilbar krank galten oder mit nicht behandelbaren Schmerzen zu tun hatten. Sie waren schulmedizinisch „austherapiert“ – aber ihr Leiden schrie nach neuen Lösungen.

Das daraus entwickelte, mittlerweile sehr gut wissenschaftlich erforschte MBSR-Training wird weltweit an Unikliniken und in Gesundheitszentren gelehrt. Die Uniklinik Essen lehrt und forscht  dazu und selbstverständlich zahlen alle gesetzlichen Krankenkassen die entsprechenden Kurse. Achtsamkeitstraining hat einen festen Platz in der Psychotherapie, ebenso wie im multimodalen Schmerzkonzept und in der onkologischen Behandlung.

Der Grund: Die wissenschaftliche Beweislage änderte sich schlagartig, als über die funktionelle Computertomografie die Möglichkeit bestand, die Vorgänge im menschlichen Gehirn während verschiedener Tätigkeiten, also auch während der Meditation, zu beobachten und zu messen. Und siehe da: Was Buddhisten seit 2000 Jahren wissen, zeigte sich auch im modernen CT: Meditation verändert das Gehirn, kann dazu beitragen, Menschen mitfühlender, resilienter und zufriedener zu machen.

Was für ein wunderbares Beispiel einer komplementären Entwicklung.
Die Forschungsteams, die das Thema zu ihrem gemacht haben, waren sicher eines nicht: fundamentalistisch. Sie waren neugierig, offen du unbedingt daran interessiert, die Methode so hilfreich wie möglich einsetzbar zu machen.

Fazit für den Moment

Wir brauchen wirklich interdisziplinäre Gremien – so etwas wie der Medizin-G*alle-Gipfel, an dem Ärzte, Heilpraktiker*innen, Patient*innen, Menschen aus allen Gesundheitsberufen, Kassenvertreter*innen und Vertreter*innen von Initiativen wie Artabana, Gesundheitsberater*innen und so weiter – ein Gremium, das mit offenem und klaren Geist in Open Space-Manier zu den relevanten Fragen Stellung nimmt. So würde eine agile Meta-Ebene entstehen, die, immer in Bewegung, moderne Lösungsansätze finden könnte.

Das für den Moment, alle Infos zu den erwähnten Artikeln gibt es hier:

Das Memorandum des Münsteraner Kreis

Eine differenzierte Darstellung zum Berufsstand der Heilpraktiker sowie eine Stellungsnahme aus juristischer Sicht von RA Rene Sasse

Eine Stellungnahme des Bundes Deutscher Heilpraktiker BDH

Ein Artikel aus den Good News zu einer Umfrage zum Thema Heilpraktikerbesuche

Abschließend ist mir, Conny Dollbaum-Paulsen, seit 1993 Heilpraktikerin mit hervorragender medizinischer wie therapeutischer Ausbildung, wichtig, dass wir nicht nur untereinander im Gespräch sind - das hilft der Diskussion ebenso wenig wie das Säbelrasseln im Nahen Osten. Wir müssen uns zuhören, Respekt entwickeln dort, wo es nicht oder nur rudimentär gibt und gemeinsam arbeiten. Alles andere geht auch, aber gesund ist es für niemanden!

 

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